Logo Zukunft findet Stadt

Wenn Hochschule auf Senior*innenwohnen und Kiez trifft

(c) Zukunft findet Stadt

Einblick in die Kooperation von Zukunft findet Stadt mit dem Pflege & Wohnen Sunpark im Sommer 2025

Wie wollen wir im Alter leben?

 

Es wird geschraubt, getackert und gehämmert. Das Pflege & Wohnen Sunpark – ein Altenhilfe-Campus der Johannesstift Diakonie in Neukölln – hat an diesem Donnerstag im September Bewohner*innen, Anwohner*innen und lokale Initiativen zum Nachmittag der Begegnung eingeladen. Während die einen engagiert gemeinsam mit dem Team der GLASBOX, dem Makerspace der Berliner Hochschule für Technik, neue Hochbeete fürs Gelände bauen, kommen die anderen mit einem Stück Kuchen beim Glücksrad der KiezTalks vorbei – und ins Gespräch. 

 

Dort dreht sich an diesem Nachmittag im wahrsten Sinne des Wortes alles um das Thema „Wohnen im Alter“ und welche Rolle die Nachbarschaft dabei spielen kann und sollte. Die Aktion bildet den (vorläufigen) Abschluss der Zusammenarbeit des ZfS-Teilvorhabens KiezTalks mit dem Praxispartner Sunpark im Sommersemester 2025 zum Schwerpunkt „Nachbarschaft & Pflege“. Ausgehend von der Fragestellung, wie die Institution Sunpark mehr in den lokalen Kiez hineinwirken kann, wurde die Idee eines Nachbarschaftsfestes geboren. So sind auch das lokale Quartiersmanagement Glasower Straße sowie einige soziale Initiativen aus dem Kiez mit vor Ort. 

 

Zurück zum Glücksrad: Es verwundert nicht, dass der Großteil der Besucher*innen betont, so lange wie möglich eigenständig den Alltag bewältigen zu wollen. Neben der körperlichen Gesundheit ist für viele insbesondere der Aspekt der Geselligkeit ausschlaggebend für ein glückliches Leben im Alter. Eine Bewohnerin betont: „Lebensqualität bedeutet für mich auch, aktiv und motiviert zu bleiben. Deshalb engagiere ich mich ehrenamtlich im Pflegeheim zur Unterstützung von Anwohnern und bin gleichzeitig als Lese-Oma an einer Schule tätig. Aktiv zu sein, macht mich glücklich.“ Angebote von außen hier im Sunpark, wie zum Beispiel die Workshops zum 3D-Druck der GLASBOX der Berliner Hochschule für Technik in der Vergangenheit, werden daher dankend angenommen.

Doch was, wenn die Gesundheit nicht mehr mitmacht?

 

Auf dem Gelände des Sunpark gibt es auch ein vollstationäres Pflegeangebot. Die Plätze in entsprechenden Einrichtungen sind rar, und der Wunsch, möglichst lange in einer vertrauten häuslichen Umgebung zu bleiben, ist meist groß. In den meisten Fällen sind es nahe pflegende An- und Zugehörige, die zunächst in der Häuslichkeit die Versorgung übernehmen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts werden rund 86 Prozent der Pflegebedürftigen in Deutschland zu Hause betreut – teilweise mit Unterstützung durch ambulante Pflegedienste. Damit stellen pflegende Angehörige und Zugehörige den größten „Pflegedienst“ des Landes dar. Im Jahr 2023 wurden etwa 3,1 Millionen Pflegebedürftige überwiegend zu Hause von ihren pflegenden Angehörigen und Zugehörigen versorgt.

 

Ein zweiter Schwerpunkt der Zusammenarbeit von Sunpark und KiezTalks nahm im Sommer 2025 deshalb genau diese Zielgruppe der pflegenden Angehörigen in den Blick. In Einzel- und Gruppengesprächen mit ausgewählten Betroffenen stand die Frage im Fokus, welches die größten Herausforderungen im Alltag sind. Das Fazit dieses Austauschs: Die täglichen Pflegeaufgaben sind für die befragten Personen weniger eine Herausforderung als vor allem der daran hängende zusätzliche organisatorisch-bürokratische Aufwand. 

 

Zu spüren ist eine große Frustration und Hilflosigkeit gegenüber dem Antragswesen der Krankenkassen. „Man muss um einen Rollstuhl betteln und wird als Schmarotzer dargestellt“, so eine Gesprächspartnerin. Auch sei es beispielsweise nahezu unmöglich, die Genehmigung für einen Behindertenparkplatz zu erhalten. Ihre Erfahrungen haben sie gelehrt, inzwischen „schon richtig gut passiv-aggressive Widersprüche [zu] schreiben.“ Man spricht von Unverhältnismäßigkeit von Aufwand und Kosten und ist sich einig, dass sich hier strukturell etwas ändern müsste. Auch in Bezug auf die gesellschaftliche Anerkennung der zeitintensiven häuslichen Pflege, deren zusätzliche Belastung – sei es zeitlich, physisch und auch emotional – oft nicht gesehen wird. Die Gespräche der KiezTalks haben nicht den Anspruch, repräsentativ zu sein. Doch bekommt man den Eindruck, dass schon in der kleinen (übrigens ausschließlich weiblichen) Runde der Konsens zu diesen Themen groß ist. Die genannten Herausforderungen kennen sie alle – zumindest in der Hinsicht ist keine allein.

Der Blick nach vorn - und auf die Rolle der Hochschulen

 

Es geht auch darum, was konkret helfen könnte. Beratungs- und Anlaufstellen gibt zwar viele, aber aufgrund der Überlastung dieser könne man seine Fragen nicht spontan loswerden und warte sehr lange auf Antworten. Dass es auch anders geht, berichtet eine Teilnehmerin: Im niedersächsischen Wohnort ihrer pflegebedürftigen Eltern bietet eine Seniorenberatungsstelle zuverlässig unter anderem Unterstützung bei der Beantragung von Pflegegraden und Fahrdienste an – von der Gemeinde finanziert und so komplett kostenfrei. Eine andere Teilnehmerin wünscht sich frühere Gemeindeschwestern zurück, die die Lücke zwischen Pflegedienst und privater Sorge gefüllt haben, regelmäßig vorbeikamen und bei der Alltagsorganisation unterstützten. Und wieder eine andere ist selbst aktiv geworden und engagiert sich inzwischen ehrenamtlich in der Beratung von Betroffenen und gibt eigene Erfahrungen weiter. 

 

Vernetzung und sogenanntes „Empowerment” der Betroffenen sind von zentraler Bedeutung. Hochschulen wie die Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin (KHSB) leisten hier einen Beitrag, beispielsweise in partizipativen Projekten zur Stärkung von Familien mit chronischen Erkrankungen oder mit Trisomie 18 & 13. Diese Vernetzung von Betroffenen, Nachbarschaft und Wissenschaft möchte Zukunft findet Stadt gemeinsam mit dem Pflege & Wohnen Sunpark weiter befördern. Deshalb wird im Sommer 2026 ein Tag des Wissenschaftsfestivals Transferale auf dem Campus in Neukölln stattfinden. Es geht dabei auch um die innovativen Ansätze die an den Berliner Hochschulen für Angewandte Wissenschaften rund um die Themen „Pflege der Zukunft“ und „Gesund Altern“ entwickelt wurden und werden. Mit Letzterem – so der Eindruck beim Nachmittag der Begegnungen – fühlen sich viele Bewohnerinnen und Bewohner im Sunpark gut aufgehoben. In den neuen Hochbeeten werden im nächsten Jahr Kräuter wachsen – angepflanzt übrigens auf Erde aus den Kompostieranlagen, die das Team der GLASBOX mit Studierenden und Bewohner*innen gebaut hat.