Forschung öffnet Türen: Wissenschaft mitten im Wedding
Am 1. Juli 2026 öffnete die Berliner Hochschule für Technik ihre Türen für den Kiez. Unter dem Motto „Co-Kreation mit der Zivilgesellschaft" wurde die GLASBOX zum Treffpunkt für Forschende, Studierende, Praxispartner*innen und Nachbar*innen – mit einem vollelektrischen Löschfahrzeug als unübersehbarem Blickfang.
Der Mittwoch war einer von fünf Programmtagen der Transferale 2026, dem dezentralen Wissenschaftsfestival des Hochschulverbunds „Zukunft findet Stadt". Die Idee des Tages war einfach und anspruchsvoll gleichzeitig: nicht über die Stadtgesellschaft forschen, sondern mit ihr ins Gespräch kommen – auf Augenhöhe und mit den Händen.
Krisenfest werden: Resilienz mobil machen
Schon vormittags machte die Berliner Feuerwehr Schüler*innen deutlich, dass moderne Rettungsarbeit weit über das Löschen von Bränden hinausgeht. Am Nachmittag standen die 112-Dual-Studierenden der BHT dann gemeinsam mit der Feuerwehr Rede und Antwort: zu Reanimation, Krisenvorsorge und oft unterschätzten Gefahren wie Kohlenstoffmonoxid. Ihr Leitmotiv – lieber pragmatisch anfangen als auf die perfekte Vorbereitung warten – prägte den ganzen Tag.
Dahinter steht das Innofonds-Projekt „Resilienz mobil machen", das Krisenvorsorge mit modularen Mitmach-Stationen dorthin bringt, wo Menschen ohnehin zusammenkommen. Exponate und Experimente sind dabei bewusst Gesprächsmedium und nicht Attraktion – gemeinsam mit der Berliner Feuerwehr und den Bezirksämtern entstehen so partizipative Kiezworkshops.
Für viele Besucher*innen war das brandneue, den ganzen Tag begehbare Elektro-Löschfahrzeug der Einstieg: Aus dem Blick ins Fahrzeug entwickelten sich Fragen zu Einsatztechnik, Klimaschutz und städtischer Vorsorge.
Hitze, Boden, Biodiversität: Klimaanpassung zum Mitmachen
Wie entsteht Abkühlung ohne energieintensive Klimaanlagen? Der Klimaturm@TXL, das zweite Innofonds-Projekt des Tages, überträgt uralte Windturm-Prinzipien aus Vorderasien auf Berliner Bedingungen: natürliche Luftzirkulation, massive Lehmsteinwände aus Berliner Baugrubenaushub, Holzrahmenkonstruktion. Entstanden ist ein kühler Rückzugsort ganz ohne technische Kühlung, realisiert mit Studierenden auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tegel.
Auf dem BHT-Campus war am Transferale-Mittwoch das Prinzip des zirkulären Bauens buchstäblich anfassbar: Die unteren Reihen waren aus echten Lehmsteinen vorgemauert, darüber baute das Publikum mit Pappsteinen weiter. Unterstützt wurde das Vorgehen durch ein holografisches AR-Modell, an dem über synchronisierte Brillen sogar zwei Personen gleichzeitig arbeiten konnten.
Den Blick auf die ökologischen Grundlagen der Stadt weiteten zwei weitere Stationen: KInsecta zeigte KI-gestützte Insektenbestimmung, die Populationen ohne ethisch fragwürdige Totfallen erfassbar macht, und der Weltacker Berlin e.V. brachte globale Zusammenhänge auf eine Zahl, und zwar 2.000 Quadratmeter Ackerfläche pro Person weltweit, für Lebensmittel, Kleidung und Energiepflanzen.
Selbst machen, selbst reparieren
Die GLASBOX zeigte als kollaborativer Makerspace, was ein offener Hochschulraum leisten kann: 3D-Druck, Näh- und Stickmaschinen, Lasercutter und Werkzeug standen in der Offenen Werkstatt für eigene Projekte bereit. Der Reparatur-Parcours, unterstützt von Reparateur*innen des Repair Café Wedding, führte mit fachkundiger Anleitung durch Stationen vom Löten für Einsteiger über Messen und Prüfen bis zur Fahrrad-Erste-Hilfe – gelebtes „Right to Repair", für Anfänger*innen wie Fortgeschrittene. Wer es ruhiger wollte, ließ sich vom Atemroboter Neffy durch kurze Atemübungen führen; die Galerie der Wissenschaften, die Stadtteilkoordinationen und weitere Kiezakteur*innen stellten ihre Arbeit vor.
Ein Tag, der zeigt, wie Transfer funktioniert
Krisenvorsorge, Klimaanpassung und Reparieren wirken auf den ersten Blick wie drei getrennte Themen. An diesem Mittwoch zeigten sie sich als eine gemeinsame Frage: Was macht eine Stadt widerstandsfähig und welchen Anteil haben die Menschen daran, die in ihr leben?
Wie kurz der Weg von der Wissenschaft in den Kiez ist, war ganz konkret zu erleben: an einem begehbaren Fahrzeug, einer halb gemauerten Wand und einem Lötkolben. Von nachhaltiger Stadtentwicklung (SDG 11) über nachhaltigen Konsum (SDG 12) bis zum Klimaschutz (SDG 13) wurde sichtbar, wie Wissenschaft und Zivilgesellschaft gemeinsam an der Transformation arbeiten. Zum Abschluss ließen Kiez und Hochschule den Tag bei soulig-funkiger Live-Musik gemeinsam ausklingen.
Bilderrückblick
Kontakt
Christophe Vaillant (BHT)
christophe.vaillant@bht-berlin.de
Nadia Hagemann (BHT)
nadia.hagemann@bht-berlin.de