VR4SENS: Schwierige Situationen sicher trainieren – mit Virtual Reality (Innovationsfonds 2026)
Was tun, wenn ein Gespräch plötzlich kippt? Wenn ein Mensch wütend wird, sich zurückzieht oder sich selbst verletzt? Für SAGE-Fachkräfte gehören solche Situationen zum Berufsalltag. Das Projekt VR4SENS untersucht, wie Virtual Reality dabei helfen kann, den Umgang mit herausforderndem Verhalten zu trainieren – realitätsnah, aber in einer geschützten Umgebung.
Sarah ist 24 Jahre alt und befindet sich in einer akuten psychischen Krise. Sie hat sich selbst verletzt und wird in einer psychiatrischen Rettungsstelle betreut. Nun kommt es darauf an, wie ihr Gegenüber mit ihr spricht.
Was passiert, wenn die Fachkraft ruhig und empathisch reagiert? Was verändert sich, wenn sie anders formuliert oder auf bestimmte Aussagen eingeht? In der sechsminütigen VR-Simulation des Projekts VR4SENS können Nutzer*innen in die Rolle einer therapeutischen Fachkraft schlüpfen und genau das ausprobieren. Sarah reagiert auf das Gespräch nicht einfach nach einem vorgegebenen Drehbuch: Ihr Verhalten verändert sich abhängig davon, wie ihr Gegenüber kommuniziert. So wird erlebbar, welchen Einfluss Beziehungsgestaltung, Empathie und Kommunikation auf eine schwierige Situation haben können.
Entwickelt wurde die Simulation im Projekt VR4SENS, das im Sommersemester 2026 durch den Innovationsfonds von Zukunft findet Stadt gefördert wurde. Hierfür hatten sich mit der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin (KHSB) und der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (HTW Berlin) zwei Hochschulen unseres Verbunds fächerübergreifend zusammengetan. Beteiligt waren außerdem Expert*innen des Informations- und Beratungszentrums (IBZ) des Alexianer Krankenhauses Hedwigshöhe sowie Studierende beider Hochschulen.
Praktisch Lernen ohne Risiko
Herausforderndes Verhalten kann viele Formen annehmen: verbale oder körperliche Angriffe, Unruhe, Rückzug, die Verweigerung von Hilfe oder selbstverletzendes Verhalten. Häufig steckt dahinter beispielsweise Angst, Überforderung, Hilflosigkeit oder eine Erkrankung. Für Fachkräfte ist es deshalb wichtig, solche Situationen frühzeitig zu erkennen und angemessen darauf reagieren zu können. Gleichzeitig lassen sich kritische Situationen im Arbeitsalltag nicht beliebig üben.
Genau hier bietet Virtual Reality eine besondere Möglichkeit, wie Prof. Dr. Johann Habakuk Israel, Professor für Angewandte Informatik und Multimedia Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin, zusammenfasst: „Mit VR-Technologien wollen wir die herkömmliche Ausbildung vielfältiger und zugänglicher machen, aber nicht ersetzen. Denn VR-Simulationen können Situationen realitätsnah darstellen, ohne dass dabei eine reale Person einer belastenden Situation ausgesetzt werden muss. Die Szenarien lassen sich wiederholen und – anders als in herkömmlichen Schulungsvideos – können verschiedene Reaktionen ausprobiert werden. Das macht VR interessant für die Ausbildung und Weiterbildung von Fachkräften.“
Studierende als erste Testpersonen
Die Anwendung wurde zunächst mit dreißig Studierenden getestet. Vor der VR-Session wurden die Erwartungen an die Technologie und das eigene Wissen erfasst. Anschließend folgte die sechsminütige Simulation mit Sarah. Danach bewerteten die Teilnehmenden unter anderem, wie benutzerfreundlich und nützlich sie die Anwendung empfanden und wie sie das Erleben der Simulation einschätzten.
„Die Ergebnisse zeigen, dass die Studierenden nach der VR-Erfahrung ihr Wissen und ihre Kompetenz zur Durchführung von Krisengesprächen signifikant höher einschätzten als vor der Nutzung. Zudem wurde die Anwendung im Rahmen der Evaluation als realistisch, emotional ansprechend, nützlich und benutzerfreundlich bewertet“, erläutert Prof. Dr. Bozana Meinhardt-Injac, Professorin für Psychologie an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin, die das Projekt gemeinsam mit ihrem Kollegen an der HTW Berlin initiiert hatte. „Eine unerwartete Erkenntnis war daneben, dass mit vergleichsweise geringen finanziellen und personellen Ressourcen eine qualitativ hochwertige und realitätsnahe VR-Anwendung entwickelt werden konnte. Besonders positiv hat uns die Leistungsfähigkeit der eingesetzten KI-Modelle überrascht, die das verbale und nonverbale Verhalten des Avatars situationsangemessen und dynamisch an die Interaktionen der Nutzer*innen anpassten“, so die Professorin.
Nach Ende der sechsmonatigen Förderung durch den Innovationsfonds ist nun im nächsten Schritt eine Folgestudie mit Mitarbeitenden des Alexianer-Krankenhauses Hedwigshöhe geplant, um die Perspektiven erfahrener Fachkräfte mit denen von Studierenden zu vergleichen. Gleichzeitig soll das Feedback der Praktiker*innen genutzt werden, um die Anwendung für einen zukünftigen Einsatz in Lehre und Praxis weiterzuentwickeln und zu optimieren.
Kontakt
Prof. Dr. Bozana Meinhardt-Injac (KHSB)
Bozana.Meinhardt-Injac@khsb-berlin.de
Prof. Dr.-Ing. Johann Habakuk Israel (HTW Berlin)
JohannHabakuk.Israel@HTW-Berlin.de
Oliver Maximilian Hirth (HTW Berlin)
Oliver.Hirth@Student.HTW-Berlin.de
Alexander Knörrlein (KHSB)
alexander.knoerrlein@stud.khsb-berlin.de