Was bedeutet Bewegungsfreiheit in der Stadt für dich?
Rückblick auf das Podiumsgespräch der KiezTalks am 21. Oktober 2025
Bevor Daniela Kaup sich auf den Weg durch die Stadt macht, führt der Weg nicht am Handy vorbei. Mithilfe einer App prüft sie, welche Aufzüge funktionieren – denn Daniela Kaup sitzt im Rollstuhl. Ein nicht funktionstüchtiger Aufzug bedeutet für sie oft einen längeren Umweg. An diesem Vormittag im Oktober 2025 hat erfreulicherweise alles funktioniert. Sie, die Beauftragte für Menschen mit Behinderungen des Bezirksamts in Lichtenberg, ist auf Einladung von Zukunft findet Stadt in die Amerika-Gedenkbibliothek nach Kreuzberg gekommen. Im Rahmen des Oberthemas „Mobilität“ hat das Team des Teilvorhabens KiezTalks gemeinsam mit Prof. Dr. Sarah Häseler und Prof. Dr. Ulrike Brizay (Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin) zum Podiumsgespräch eingeladen. Vervollständigt wird das Podium durch Lisa Siegner, Kira von Wedel und Maryam (Outreach.Berlin), Prof. Dr. Florian Koch (Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin) und Ragnhild Sørensen (Changing Cities e. V.). Sie alle blicken heute aus verschiedenen Perspektiven auf das Thema „Bewegungsfreiheit“ – nicht nur persönlich, sondern auch stellvertretend für bestimmte, oft ungehörte Personengruppen. Ihnen eine öffentliche Plattform zu bieten und für andere Blickwinkel zu sensibilisieren, ist Anlass der Veranstaltung. Ein wichtiger Input auch für die zahlreichen Studierenden im Fach Soziale Arbeit im Publikum.
Barrierefreie Bewegungsfreiheit
Vor welchen Herausforderungen beispielsweise körperlich beeinträchtigte Menschen bei der täglichen Mobilität in der Stadt stehen, ist vielen nicht eingeschränkten Menschen oft gar nicht bewusst. Daniela Kaup macht sich deshalb stark für die Interessenvertretung mit Fokus auf einer barrierefreien Fortbewegung und rückt viele Hürden erst (oder noch) einmal ins Bewusstsein des Publikums. Die Hindernisse im Alltag sind mannigfaltig: Von nicht abgesenkten Bordsteinen über fehlende Blindenleitsysteme und defekte akustische Ampelanlagen bis zu abgestellten E-Rollern oder mangelnden Informationen in leichter Sprache. Daniela Kaup macht deutlich: Als historisch gewachsene Auto-Stadt hat Berlin in Sachen Barrierefreiheit noch einigen Nachbesserungsbedarf. Die Umsetzung existierender Vorgaben und Gesetze unter Mitwirkung betroffener Personengruppen weiter voranzubringen, ist ihr erklärtes Ziel für die Stadt der Zukunft.
Bewegungsfreiheit – auch eine Frage des Sicherheitsgefühls
Während Daniela Kaup auf die physischen Barrieren hinweist, die Menschen mit Behinderungen in Berlin erleben, verdeutlichen Kira von Wedel und Lisa Siegner von Outreach.Berlin, dass auch die psychologischen Hürden – etwa das Gefühl der Unsicherheit im öffentlichen Raum – einen erheblichen Einfluss auf die Bewegungsfreiheit haben. Ihr Blick richtet sich besonders auf Mädchen mit Fluchthintergrund, die sich in Berlin im Alltag oft nicht frei bewegen können. Mädchen wie Maryam, die heute auch auf dem Podium sitzt und von ihren Erfahrungen berichtet. Für viele Mädchen mit Fluchthintergrund ist die U-Bahn nachts ein unsicherer Ort –nicht selten kommt es zu körperlicher Bedrohung und verbalen, teils auch rassistischen Angriffen, oft von Menschen unter Drogeneinfluss. Diese Ängste führen dazu, dass sie längere Umwege in Kauf nehmen, um sicher nach Hause zu kommen. Zusätzlich problematisch: Kommt es zum auferlegten Wechsel der Wohnunterkunft, ist häufig ein sehr weiter Weg zur Schule die Folge. Auch die Option, wie andere Jugendliche Strecken mit einem E-Scooter zurückzulegen, ist für sie ohne Kreditkarte nicht vorhanden. Es wird deutlich: Bewegungsfreiheit und Teilhabe gehen Hand in Hand. Die Schaffung sicherer Orte für Jugendliche ist hierfür ebenso relevant wie die Stärkung des Sicherheitsgefühls im öffentlichen Raum, z. B. durch die Bearbeitung grundsätzlicher sozialpolitischer Probleme.
Wie sieht Bewegungsfreiheit in Berlin in Zukunft aus?
Verschiedene Interessen unter einen Hut zu bringen, ist eine Herausforderung. Es steht und fällt mit der jeweils aktuellen politischen Lage, wo Schwerpunkte gesetzt werden. Florian Koch, Professor an der HTW Berlin, ruft in Erinnerung: Stadtentwicklung ist ein langfristiger Prozess. Es müsse dabei Aufgabe der Politik sein, die unterschiedlichen Gruppen nicht gegeneinander auszuspielen. Entscheidungen zu sozialer Gerechtigkeit oder Nachhaltigkeit seien letztlich immer Kompromisse. Gerade in einer Großstadt wie Berlin sind Personen und ihre Interessen heterogen – eine Herausforderung für alle.
Selbst eine einzelne Person vereine bereits viele Identitäten, so Ragnhild Sørensen, Pressesprecherin von Changing Cities, einer Organisation, die sich ebenfalls für Stadtentwicklung einsetzt. Kaum jemand sei ausschließlich Fußgänger*in, Radfahrer*in oder Autofahrer*in. Dennoch solle in ihren Augen jede*r die Freiheit haben, sich so fortzubewegen, wie er oder sie wolle – und ohne andere zu schädigen. Insbesondere die Umverteilung des öffentlichen Raums zugunsten beispielsweise des Radverkehrsnetzes gehe in Berlin nur sehr langsam voran, wenn auch der Autoverkehr erfreulicherweise leicht rückläufig sei. Ein generelles Umdenken in den Köpfen – weg vom Auto als Fortbewegungsmittel Nummer eins – ist in ihren Augen aber weiter unabdinglich für die Stadt der Zukunft.
Die Rolle der Hochschulen
Die Weichen für das Berliner Mobilitätskonzept der kommenden Jahre, auch für den daran hängenden Weg in Richtung Klimaneutralität, stellen sich mit der Wahl zum Abgeordnetenhaus im September 2026. Allen Aktivistinnen auf dem Podium ist gemein, dass sie für die von ihnen vertretenen Personengruppen Druck auf die Politik erzeugen wollen und müssen, um gehört zu werden. Welchen Beitrag dazu die Wissenschaft leisten könne, kommt die Frage aus dem Publikum.
Florian Koch leistet mit seiner Forschung im Bereich Stadtentwicklung und Smart Cities bereits einen wichtigen Beitrag zur Transformationsforschung. Die Sammlung von evidenzbasierten Daten kann zur Versachlichung von teils emotional aufgeladenen Debatten beitragen. Nicht zuletzt ist die Vernetzung verschiedener Akteur*innen, gerade an den praktisch ausgerichteten Hochschulen für Angewandte Wissenschaften, gewinnbringend für alle Seiten. Konkret widmet sich aktuell beispielsweise ein Projekt von Masterstudierenden der HTW Berlin gemeinsam mit den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) und der Senatsverwaltung für Inneres und Sport „Gestaltungsansätzen für sichere Mobilität am Kottbusser Tor“, gefördert durch den Innovationsfonds von Zukunft findet Stadt.
Die Studierenden der KHSB diskutierten im Anschluss an die Veranstaltung zu Teilaspekten des Podiumsgesprächs und bearbeiten das Thema „Bewegungsfreiheit“ im weiteren Verlauf des Winter- und Sommersemesters mit eigenen kleinen Projekten im Bezirk Friedrichsfelde Süd in Berlin-Lichtenberg. Denn hier sehen wir als Netzwerk Zukunft findet Stadt mit unseren fünf Verbundhochschulen auch unsere Rolle: Wir möchten öffentlich über Themen sprechen, verschiedene Perspektiven hören, zum Nachdenken anregen und gemeinsam Lösungen und Ideen für die Stadt der Zukunft erarbeiten.
Wir bedanken uns für die freundliche Unterstützung der Zentral- und Landesbibliothek Berlin bei der Umsetzung der Veranstaltung.